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Zwischen Bauchladen und Bauchgefühl: 7 ungeschönte Learnings aus meiner Selbstständigkeit

Autorenbild: Pia
Pia
vor 21 Stunden
12 Min. Lesezeit

Ich wollte immer schon meine eigene Chefin sein. Das war schon als Teenager klar.

Was genau das sein soll und wie ich mir mein eigenes Ding finanzieren wollte, war lange Zeit unklar. Je älter ich wurde, desto mehr Vorsicht kam dazu. Je mehr Berufserfahrung ich hatte, desto mehr Zweifel und Sicherheitsbedenken kamen auf.

Doch vor etwas mehr als 3 Jahren hat sich das berühmte Bauchgefühl gemeldet. Ich hatte bei meiner damaligen Arbeitgeberin eine 6-monatige Auszeit geplant. Alles war aufgegleist. 6 Monate unbezahltes Sabbatical und danach zurück in den sicheren Hafen – also gleicher Job, sicheres Gehalt usw.

Doch mein Bauch meinte:

Nope, it's now or never – jetzt machen wir unser eigenes Ding!

Also hab ich, für alle inklusive mir, überraschend ins Blaue gekündigt und war erst mal ein paar Monate in Südamerika unterwegs.

Im Frühjahr 2024 war ich zurück in der Schweiz und voller Tatendrang. Nach über 11 Jahren in der Sparte und über 20 Jahren Berufserfahrung war ich überzeugt davon: Die Welt hat auf mich gewartet.

Spoiler: Die Welt wartet selten genau dann auf einen, wenn man es gerne hätte.

Was ich aus der Selbstständigkeit gelernt habe und welche Themen mich besonders herausfordern, erfährst du in den folgenden 7 Abschnitten.

  1. Das eigene Setup: Warum "nie fertig sein" die grösste Challenge ist

Plötzlich sagt dir keiner, was zu tun ist. Was für ein herrliches Gefühl! Was für eine krasse Herausforderung!

Wer sich selbständig macht, ob alleine oder mit Partner:innen, steht plötzlich vor der Herausforderung, alles, aber wirklich alles, selber definieren zu müssen – egal, ob einem das gefällt oder nicht!

Angefangen bei Themen wie:

  • Der Wahl der Rechtsform (ich habe mit einer Einzelfirma gestartet und nach etwa 9 Monaten eine GmbH gegründet)

  • Versicherungen und berufliche und/oder private Vorsorge

  • Buchhaltung und Preisgestaltung

  • Einkauf und Verkauf

  • Marketing und Business Development

  • Aus- und Weiterbildung sowie Produktmanagement

  • ... you name it.

Und all das hat häufig nichts mit dem eigentlichen Job zu tun.

Mit dem, womit man effektiv Geld verdienen möchte.

Trotz meines Studiums in Unternehmensführung habe ich diese vielen Aufgaben, die nichts mit meiner eigentlichen Tätigkeit zu tun haben, als viel weniger aufwändig prognostiziert, als sie de facto sind. Zum Glück!

Hätte ich vorher gewusst, wie viel Zeit und Nerven mich z.B. Business Development kosten würden, ich hätte vermutlich wieder eine Ausrede gefunden, mich doch nicht selbständig zu machen.

Abgesehen davon hat man als Selbständige die Freiheit, den eigenen Arbeitstag selber zu gestalten. Als sehr strukturierte Person war ich der Meinung, das sei ein Klacks für mich.

Wie falsch ich damit lag... ich muss immer noch lachen.

Wenn man auf einmal nicht mehr fremdgesteuert ist, also kein Input von aussen kommt – keine Chefin, kein Kunde, kein Team, die etwas von einem wollen – woher weiss man, welche Aufgaben heute anstehen? Was hat Priorität? Wann ist man fertig?

Spoiler: Als Selbständige ist man nie fertig und damit musste ich erst mal klarkommen.

Ich wollte und will oft alles auf einmal bzw. heute fertig haben. Ich hasse unfertige Dinge auf meinem Arbeitsplatz. Unfertiges macht mich nervös und genau daran wachse ich jeden Tag.

Manche Dinge müssen unfertig liegen bleiben. Nur so können sie reifen. Nur so können sich Ideen, Gedanken, Konzepte ordnen und auf einmal weiss man: So geht's weiter oder das darf gehen.

Durch den Umstand, nie fertig zu sein, war ich gezwungen, mich mit dem Thema Auszeiten zu beschäftigen. Ich war so im Tun, dass ich abends, an Wochenenden und Feiertagen nie wirklich zur Ruhe kam. Ich war im Dauer-Tun-Modus gefangen.

Das war nicht gesund!

Gleichzeitig war und ist in mir diese Unruhe. Es war anstrengend und ich fühlte mich zu Beginn richtig schlecht, aber ich habe gelernt, Pause zu machen. Auch und vor allem, wenn gerade kein Kunde nach mir schreit.

Als Selbständige gibt es immer wieder Phasen, in denen Geld rausgeht, aber keines hereinkommt. Je nach Branche sind diese Phasen sehr unterschiedlich in Länge und Intensität. Egal, wie lang oder intensiv eine solche Phase ist, sie gehört zur Selbstständigkeit dazu.

Als Selbständige dürfen wir uns in dieser Zeit auf unsere Stärken und bisherigen Erfolge konzentrieren. Wir dürfen darauf vertrauen, dass der nächste Auftrag zur richtigen Zeit kommt. Bis dahin dürfen wir die Freiheit der Selbstständigkeit geniessen.

Auf uns achten, uns vielleicht weiterbilden, unseren Hobbys nachgehen und das Leben geniessen.

Es ist essenziell, die eigenen Batterien regelmässig – nicht nur während Auftragspausen – aufzuladen.

Nur so können wir langfristig und nachhaltig gute Arbeit erbringen und am besten auch noch Freude dabei haben.

  1. Events des Grauens

Wer mich oberflächlich kennt, könnte meinen: "Smalltalk ist total ihr Ding!"

Wer mich besser kennt, weiss: Ja, ich kann Smalltalk. Ich lerne gerne neue Menschen kennen und komme leicht mit anderen ins Gespräch.

Mich jedoch auf Business-Events beim Networking "zu verkaufen", kommt auf meiner Events-des-Grauens-Skala auf Platz 2, direkt nach Karaoke.

Ich war während meiner gesamten Karriere regelmässig auf verschiedenen Business-Events. Alles easy, alles locker. Doch seitdem ich selbständig bin, verspüre ich diesen Zwang, jeden Event möglichst effizient zu nutzen. Zeit ist Geld, nicht wahr?

Und so habe ich mich in meinem 1. Jahr als Selbständige auf unzählige Events geschleppt. Manchmal hatte ich tatsächlich Lust dazu. Meistens war es jedoch reiner Zwang.

"Da musst du unbedingt hin!", haben sie gesagt. "Das ist der Event des Monats/Jahres!... Wer dort nicht hingeht, ist niemand", suggeriert mir Social Media unermüdlich.

Ich nehme an, dass ich dementsprechend rüberkam: "nett", aber gestresst, nervös, unsicher. Ich kann mich natürlich total irren. Die Anzahl der effektiven Leads aus dieser Zeit zeigt allerdings ein eindeutiges Bild: 0 Anfragen (bis heute). Ziemlich ernüchternd für den Aufwand.

Nach dem x-ten Event, von dem ich ausgelaugt und "klein" nach Hause gekommen bin, habe ich für mich entschieden:

Ich gehe nicht mehr zu jedem Event, nur weil andere es mir raten.

Ich gehe nicht mehr auf Veranstaltungen, von denen mir mein Bauchgefühl schon im Vorhinein unmissverständlich abrät. Ich spreche hier nicht von positiver Nervosität, bei der sich der Bauch auch krass verkrampfen kann – sonst würde ich keine Vorträge halten.

Ich spreche von diesem Gefühl, das wir alle kennen, kurz bevor sich der Verstand einschaltet und uns erklärt, warum es denn ach so gut wäre, hinzugehen. Wenn wir das Aussen für einen Moment leiser stellen und in uns spüren, wissen wir meist ganz genau, wo wir hingehen wollen und wohin nicht. Für mich war diese Erkenntnis eine grosse Erleichterung.

Bevor ich mich heute wild für unzählige Veranstaltungen anmelde, mache ich meine Hausaufgaben. Ich prüfe im Vorfeld, ob ein Event entweder:

  • a) meine persönlichen Interessen und/oder

  • b) meine Zielgruppe anspricht.

Im Optimalfall überlappen sich a) und b). Weiters prüfe ich den Faktor Kosten, der für Selbständige einen grossen Einfluss haben kann.

Wenn a) und b) sich überschneiden und die Kosten im Rahmen sind – let's go! Bei solchen Events blühe ich auf, vor allem weil ich weiss, dass ich sofort gemeinsame Themen mit den anderen Teilnehmenden haben werde.

Wenn ein Event nur meine persönlichen Interessen anspricht, meine Zielgruppe aber nicht dort sein wird, prüfe ich, ob ich die damit einhergehenden Kosten als Weiterbildung investieren möchte. Falls eine Veranstaltung nur meine Zielgruppe anspricht, ist klar: Dort würde ich als Business Developerin auftreten. Fühlt sich das richtig an? Bin ich bereit, die Kosten zu tragen?

Diese strategische Herangehensweise hilft mir sehr, meine Ressourcen bewusst und gezielt einzusetzen und mit Freude und Energie in und aus Business-Events zu gehen.

Dennoch erwische ich mich nach wie vor dabei, etwas zu lange zu überlegen, ob ich nicht doch viele Hundert Franken in die Hand nehmen und zu "dem Event des Jahres" gehen sollte.

Was soll ich sagen? Manche Events muss man auch einfach ausprobieren, um beim nächsten Mal besser entscheiden zu können.

  1. Nein, danke. Oder was Preis über Wert aussagt.

Vielen von uns fällt es schwer, Nein zu sagen. Schon in alltäglichen Situationen kostet uns dieses Wort viel Mut. Umso schwerer ist es als Selbständige, Nein zu unpassenden Aufträgen oder Preisvorstellungen zu sagen.

Man, oder besser gesagt ich, will ja nicht undankbar oder arrogant wirken. Ich gebe es zu: Ich möchte gemocht werden. Genau das steht mir am Verhandlungstisch aber im Weg.

Hier geht es nämlich nicht um mich als Person, sondern um den "besten" Preis für das Produkt; in meinem Fall meine persönliche Dienstleistung. Oftmals wird dieser "beste" Preis mit dem günstigsten gleichgesetzt.

Und ab hier wird's leider oft hässlich.

Meine erste sogenannte Verhandlung lief folgendermassen ab:

Meine direkten Stakeholder und ich waren uns nach einigen Gesprächen einig, wie, wann und wo wir zusammenarbeiten wollten. Jetzt brauchte es nur noch eine offizielle Offerte meinerseits. Dann ein wenig administratives Geplänkel mit dem Einkauf und schwuppdiwupp, könnten wir loslegen. So hatte ich es zumindest damals verstanden.

Weit gefehlt!

Auf meine erste Offerte – shame on me: Ich hatte tatsächlich beim ersten Anlauf ein faires Angebot erstellt – wurde mir mitgeteilt, dass ich mindestens 20 % heruntergehen müsse.

Ich war derart vor den Kopf gestossen, dass ich gar nicht wusste, was ich sagen sollte. Zähneknirschend habe ich mich breitschlagen lassen, meine Offerte nachzubessern.

Im Vergleich zu anderen Externen lag ich mit meinem Preis (angeblich) weit über dem Durchschnitt. Dass es sich bei der konkreten Anfrage um eine strategische Transformation handelte, welche einige Hundert Mitarbeitende direkt und den gesamten Konzern indirekt betreffen würde, war für die Einkäuferin schlicht irrelevant. Auch waren meine Expertise und Senioritätsstufe unwichtig.

Wichtig war: Je billiger, desto besser.

Ich habe versucht, sachlich fokussiert zu bleiben, habe mich an dem bekannten Harvard-Prinzip von Win-win orientiert und bin mit einer neuen Offerte in Runde 2 gegangen und habe eine weitere Abfuhr erhalten: zu teuer.

Eine Red Flag, die ich heute nicht mehr unkommentiert lassen würde, war zudem, dass meine eigentlichen Stakeholder plötzlich nicht mehr erreichbar waren. Scheinbar wussten sie, dass es mit dem Einkauf schwierig werden konnte, und haben den Kopf in den Sand gesteckt.

Damals habe ich das sehr persönlich genommen. Wie sollte ich denn nicht?

Das Produkt bin nun mal ich.

Nach ein paar schlaflosen Nächten und einer weiteren Runde "Verhandeln" habe ich höflich und bestimmt abgesagt.

Ich habe abgesagt, obwohl mir das Geld bald ausgehen würde. Ich habe abgesagt, weil ich wusste: Wenn ich mich für diesen Auftrag unter Wert und über meine Grenzen verkaufe, werde ich mich über die gesamte Vertragslaufzeit ärgern. Die Zusammenarbeit wäre also schon zu Beginn unter einem schlechten Stern gestanden.

Wenn am Verhandlungstisch nur auf die eigenen Vorteile geachtet und das Gegenüber als austauschbare Massenware gesehen wird, ist das kein Verhandeln, das ist einfach nur respektlos.

Mit solchen Firmen möchte ich nicht zusammenarbeiten. Leider kenne ich einige Selbständige, die sich dieses Verhalten bieten lassen (müssen).

Bitte, hört auf damit! Das habt ihr nicht nötig und ihr tut uns allen keinen Gefallen damit. Solange es Leute gibt, die sich so behandeln lassen, so lange werden solche Geschäftspraktiken überleben.

Ich habe jedenfalls keine Lust, überrissene Angebote zu schreiben, nur um mich dann 20 % herunterhandeln zu lassen, damit der Einkauf irgendeine Quote erfüllt. Das ist doch Bullshit!

Ich verhandle auf Augenhöhe mit meiner Kundschaft. Win-win ist mir wichtig. Ich bin gerne bereit, jemandem entgegenzukommen, wenn ich merke, dass mein Gegenüber ebenfalls an einer Win-win-Lösung interessiert ist.

Ich habe in diesen Tagen viel über mich gelernt – vor allem, dass mein Wert nichts mit einem Preisschild zu tun hat. Die Entscheidung abzusagen hat meinen inneren Wert schlagartig gesteigert und das verkörpere ich seitdem immer besser nach aussen.

Ich habe seitdem einige Angebote erstellt, verschickt, zurückgezogen. Ich habe Preisverhandlungen geführt und die ein oder andere Absage kassiert und erteilt.

Es ist alles andere als einfach, aber es wird mit jedem Mal einfacher, für mich und meinen Wert einzustehen.

  1. Die Definition von Erfolg

Schon in der Schulzeit definierte ich meinen Erfolg über andere. Das Lob der Lehrerin, das Sternchen im Heft, die gute Note im Zeugnis.

Als Angestellte war ich erfolgreich, wenn ich befördert wurde, eine Gehaltserhöhung bekam oder zum Projektende vor dem gesamten Team von der Chefin besonders gelobt wurde. Immer haben andere (für mich) entschieden, wann ich gut genug war.

Ich habe meine Definition von Erfolg an andere ausgelagert und ich denke, damit bin ich nicht allein.

Let's be honest: Ist auch einfacher so. Geld, Lob, Anerkennung = Erfolg.

Das Problem daran ist nur, dass das als Selbständige nicht mehr funktioniert. Die gewohnte Definition von Erfolg hinkt, dass sich die Balken biegen. Da ist keine Chefin, kein Abteilungsleiter und kein Vorstand, die einen befördern oder loben könnten. Und eine Gehaltserhöhung? Die muss man sich ganz alleine geben.

Was bleibt also vom sogenannten Erfolg, wenn keiner hinsieht?

  • Bin ich weniger erfolgreich, ohne Beförderung? Ich denke nicht. Und mal ehrlich: Wo sollte ich mich auch hin befördern? Ich bin schon Eigentümerin, Vorstandsvorsitzende und CEO. (Anmerkung an mich: Vergiss das nicht; vor allem nicht an den schlechten Tagen!)

  • Bin ich weniger erfolgreich, weil ich mir keine Gehaltserhöhung gebe? Oder bin ich gerade deshalb erfolgreich, weil ich finanziell vorausschauend und langfristig plane?

  • Bin ich weniger erfolgreich, weil ich mich für Solopreneurship entschieden habe? Ich muss mich jedenfalls mit niemandem abstimmen und Mitarbeiterführung ist gerade auch kein Thema.

  • Oder bin ich vielleicht deshalb erfolgreich, weil ich alles alleine stemme?

Ich bin noch zu keinem abschliessenden Ergebnis gekommen, was Erfolg für mich als Selbständige bedeutet. Vielleicht muss ich das auch nicht.

Manchmal jedenfalls vermisse ich meine alte Definition von Erfolg. Ich vermisse es, dass andere mich beglückwünschen oder bewundern, mich befördern und ab und zu eine Gehaltserhöhung kommt. Meistens aber freue ich mich viel mehr, Erfolg und alles Drumherum neu für mich definieren zu dürfen.

Ob angestellt oder selbständig, was gleichgeblieben ist, ist die Freude und der Stolz, die ich verspüre, wenn ich gemeinsam mit meinen Kolleg:innen oder Kund:innen einen Meilenstein erreicht, eine Herausforderung gemeistert oder ein Projekt zum Abschluss gebracht habe.

Das ist die Art von Erfolg, die mich von jeher antreibt und erfüllt.

  1. Ohne Netz und doppelten Boden

So sehr ich es geniesse, alle beruflichen Freiheiten zu haben, die ich mir je gewünscht habe, so sehr hat es mich gestresst (und das tut es phasenweise immer noch), das volle unternehmerische Risiko zu tragen.

Ja, ich kann mir so viele Urlaubstage nehmen, wie ich möchte. Ja, ich kann mir längere Auszeiten gönnen. Nein, ich muss mit niemandem (ausser mir selbst) über Aus- und Weiterbildung verhandeln.

I love it!

Gleichzeitig bedeutet es:

  • Bin ich krank oder im Urlaub, kommt kein Geld aufs Konto.

  • Investiere ich Hunderte oder Tausende Franken in eine Weiterbildung, dann bin ich in dieser Zeit nicht für meine Kundschaft verfügbar. Es kommt also kein Geld rein, sondern Zeit und Geld gehen raus. Ob sich das am Ende rentiert? Ich weiss es nicht.

  • Habe ich gerade kein Mandat, fällt ein Projekt ins Wasser oder wird ein Vertrag aufgelöst, kommt kein Geld rein.

Meine Fixkosten, berufliche wie private, bleiben bestehen. Ein finanzielles Polster zu haben, das mehr als ein paar Monate reicht, ist also überaus empfehlenswert.

Nun könnte man ausserdem meinen, als Angestellte (m)einer GmbH hätte ich im schlimmsten Fall Anspruch auf Arbeitslosenentschädigung. Schliesslich zahle ich bzw. meine Firma monatlich die entsprechenden Beiträge.

Leider falsch.

Als Angestellte mit entscheidendem Einfluss auf das Unternehmen (z.B. Geschäftsführerin) fällt die rechtliche Grundlage für den Anspruch auf Arbeitslosengeld nämlich weg.

Die harte Realität: Wenn alle Stricke reissen, muss ich meine Firma komplett auflösen.

Ich habe diesen Umstand lange Zeit als sehr unfair empfunden. Mittlerweile ist er für mich Part of the Deal. Die geltenden Gesetze kann ich nicht ändern. Meine Verantwortung ist es, mich bestmöglich zu informieren und zu entscheiden, ob der Deal unter dem Strich für mich persönlich aufgeht. Aktuell ist das der Fall.

Ich ärgere mich deshalb nicht mehr über Abgaben, von denen ich nichts habe. Ich bin stattdessen dankbar, in der privilegierten Position zu sein, ein System mitzufinanzieren, das diejenigen auffängt, die gerade weniger Glück haben.

In der aktuellen Zeit hilft mir diese Einstellung zudem, mich nicht mehr so schnell von Negativität anstecken zu lassen, sondern gibt mir das Gefühl, einen positiven Beitrag leisten zu können.

  1. Der imaginäre Bauchladen: Wer bin ich und wenn ja, wie viele?

Als ich vor knapp 3 Jahren meinen sicheren Job gekündigt habe, hatte ich eine grobe Vorstellung davon, was ich als Selbständige machen wollte: grundsätzlich dasselbe, nur eben auf eigene Rechnung.

Nach einigen Monaten im Business habe ich jedoch gemerkt, dass dasselbe irgendwie nicht mehr zu mir passte. Was jedoch das Neue sein sollte, war ein grosses Fragezeichen oder vielmehr ein diffuses Suchen, ohne zu wissen, wonach ich suchte.

Dass es mich in die Organisationsentwicklung zog bzw. ich immer schon intuitiv in diesem Bereich tätig war, habe ich bereits damals gespürt. Die passenden Worte dafür haben mir aber noch lange gefehlt. Systemisch und ganzheitlich wollte ich arbeiten. Also habe ich mich für eine entsprechende Weiterbildung angemeldet.

Je mehr ich auf der Suche war und dazugelernt habe, desto schwerer wurde mein Skill-Rucksack. Mein bestehendes Netzwerk kam mit Anfragen zu bisherigen Rollen auf mich zu.

Meine neue Rolle kannte keiner, nicht mal ich.

Ich hatte ständig das Gefühl, einen Bauchladen mit all meinen Fähigkeiten herumzuschleppen. Alles musste angeboten werden. Ob ich diese Tätigkeiten überhaupt wahrnehmen wollte, habe ich mich lange nicht gefragt.

Glücklicherweise bin ich just zu dieser Zeit in einem sympathischen und ultra-chaotischen Scale-up gelandet. Keine Struktur, keine Hierarchie und ein wilder Haufen hochmotivierter Individualisten. Mein Auftrag war irgendwas mit Qualität und Struktur.

Keiner konnte mir sagen, was die konkrete Erwartungshaltung war. Ich hatte ein monatliches Budget und einen 6-monatigen Vertrag. Im Nachhinein betrachtet das Beste, was mir passieren konnte. Ich hatte freie Hand. Ich konnte meine Wirkungsbereiche frei gestalten.

Das erste Mal in meinem Berufsleben arbeitete ich mit Menschen, die mich nicht wegen meines Lebenslaufs, sondern meiner selbst wegen engagiert hatten.

Während meiner Zeit dort habe ich mehr gelernt als in vielen Berufsjahren davor. Ich habe erkannt, an welchen Themen ich mit meiner Kundschaft arbeiten möchte, welche Bereiche, Tätigkeiten und Rollen für mich stimmen und welche Rollen gehen dürfen. Nicht, weil ich ehemalige Jobs bereue, sondern weil ich mich entwickeln darf.

Ich darf Altes abstreifen und Platz für Neues schaffen. Ich muss meinen imaginären Bauchladen nicht mit allem vollpacken, das ich jemals getan habe oder das ich kann.

Ich darf mit leichtem Gepäck unterwegs sein und mich auf das konzentrieren, was heute für mich stimmt.

Entwicklung passiert automatisch, wenn wir es zulassen. Wir dürfen unsere Meinung, Ausrichtung und Strategie ändern. Wir sollten sogar regelmässig und kritisch prüfen, ob diese noch zu uns passen. Fühlt sich etwas nicht mehr stimmig an, dürfen wir es gehen lassen.

Gleichzeitig sollten wir nicht gleich beim ersten Widerstand die Flinte ins Korn werfen. Als Selbständige dürfen wir so manche Herausforderung annehmen, die wir uns als Angestellte erspart hätten. Aber das gehört dazu und macht uns am Ende zu besseren Unternehmer:innen. Und falls wir eines Tages feststellen, dass wir doch lieber angestellt sein wollen, dann darf auch das sein.

  1. Den Mutigen gehört die Welt

Ich habe den Wunsch nach beruflicher Selbstständigkeit über 25 Jahre mit mir herumgetragen. Für jemanden Anfang 40 eine echt lange Zeit.

Doch egal, wie viel ich gelernt, wie viele Erfahrungen ich gesammelt und welche Herausforderungen ich gemeistert hatte, nie war ich (meines Erachtens) gut genug vorbereitet. Nie war der richtige Zeitpunkt, die richtige Wirtschaftslage, das richtige Konzept da.

Heute weiss ich:

Es gibt nicht DEN perfekten Zeitpunkt. Es gibt nur den Moment, in dem man einfach springt und anfängt zu schwimmen.

In diesem Sinne, Carpe Diem! Das Leben ist zu kurz für irgendwann.

Und wie sieht es bei dir aus? Stehst du oder dein Team gerade selbst an einem Wendepunkt und das Bauchgefühl ruft laut nach Veränderung?

Ob es um den eigenen imaginären Bauchladen, fehlende Strukturen im rasanten Wachstum oder den nächsten mutigen Schritt geht: Als systemische Organisationsentwicklerin und Business Coach unterstütze ich Menschen und Teams dabei, Klarheit in den Wandel zu bringen und nachhaltige Strukturen für ihren Erfolg zu etablieren.

Lass uns austauschen, wo du gerade stehst – ich freue mich auf deine Nachricht!


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